Monat: November 2011

Von Robotern, Tränen und Wachtürmen

In diesem imposanten Gebäude ist das deutsche Kommunikationsmuseum zu finden. Beim Betreten des Museums beginnt (wieder) eine kleine Zeitreise: Zuerst wird man von sprechenden & herumfahrenden Robotern begrüsst. Sie fragen freundlich, ob man dies und das schon weiss. Besteigt man aber die Treppe, wird man aber von der Roboter-Zukunft in die Vergangenheit zurück gebeamt. Über die Postkutsche über die Eisenbahn bis zum Mobiltelefon sieht man einfach alles. Sei es die Enigma, die deutsche Codiermaschine aus dem 2. Weltkrieg, oder eine von der Decke herabhängende Postkutsche, in Einzelteile zerlegt. Im zweiten Stockwerk erfährt man alles über das Fernsehen, das Radio und die Nutzung der Medien & Kommunikation im Krieg. Im Untergeschoss ist die Schatzkammer, wo auch eine rote Mauritius, eine sehr seltene Briefmarke, ausgestellt ist. 
Mir fehlte im Museum allerdings einen Teil über die moderne Kommunikation. Die Zeitreise endet mit dem Mobiltelefon, bzw. mit dem Fernsehen. Trotzdem ist ein Museumsbesuch für technisch oder historisch interessierte Leute für einen günstigen Eintrittspreis sehr empfehlenswert. 

Nach dem Museum für Kommunikation lohnte sich ein Besuch im Sony-Center am Potsdamer Platz. Überhaupt ist die Geschichte dieses Platzes sehr interessant: Es war einst, Anfangs des 20. Jahrhunderts, einer der verkehrsreichsten Plätze in Europa, und meines Wissens der erste Platz ausserhalb New Yorks, wo es eine Ampel gab. Mit dem Bahnhof war es der erste Platz, welchen die Touristen sahen, und er wurde dementsprechend präsentiert. Nach dem Krieg waren aber all die Theater & Volkshäuser zerstört. Der Bau der Mauer 1961 bedeutete definitiv das Ende für diesen belebten Platz: Die Mauer ging hier mittendurch. Er wurde zum Teil des Todesstreifens. Nach dem Fall der Mauer war hier das grösste innerstädtische Brachland Europas. Über 10 Jahre nach dem Fall der Mauer erwachte der Platz aber wieder zum Leben: 2000 wurde das Sony-Center eröffnet, einen grossen Gebäudekomplex mit grossem Lichthof, wo neben einem grossen Kino auch das Sony Europa-Hauptquartier ist. 

Im “Tränenpalast”, der ehemaligen Abfertigungshalle am Bahnhofs Friedrichstrasse, welche ich schon von der Bootstour auf der Spree gesehen habe, fand gerade eine sehr gut gemachte Ausstellung statt. Hier wurden ja die Zug-Ausreisenden aus Ostberlin nach Westberlin stengstens überprüft, und die Leute mussten voneinander Abschied nehmen. Deshalb auch der Name. 
Die Ausstellung zeigte die engen Durchgänge, in welchen Ausreisende überprüft wurden, Filmausschnitte zur deutschen Teilung vom Ost- und Westfernsehen, sowie ein Modell des damaligen, geteilten Bahnhofes.

Der Donnerstag war mein letzter Tag in Berlin, trotdem hatte ich noch Zeit für das jüdische Museum, welches schon einmal wegen der Architektur sehr spannend ist. Ich hatte mal eine Arbeit über den Architekt des Museums, Daniel Liebeskind geschrieben, welcher auch Jude war und die Überbauung am World-Trade Center in New York entworfen hat. Nach genauen Sicherheits-Kontrollen wurde die Geschichte der Juden, insbesondere des Holocaust, gut erklärt. 

Nach dem Museum bot sich ein Mauer-Spaziergang an, vom Checkpoint Charlie bis zum Potsdamer Platz. Es gibt überall Informationstafeln, man sieht viele Reste der Mauer und sogar die Mauern des Nazi-Gefängnisses. Etwas versteckt, in der Emma-Berger-Sackgasse, befindet sich noch ein Wachturm, ganz unscheinbar zwischen Parkplätzen. 

Nach einem Ausflug zum Kudamm (ich dachte immer, es heisst Kuhdamm, dabei ist es bloss eine Abkürzung für Kurfirstendamm :-)) war es auch schon Zeit für den Abflug zurück nach Zürich. Es waren tolle sechs Tage in Berlin!

Ach ja: Laut meinem Reiseführer sollte der Flughafen Tegel, wo ich ankam & abreiste, schon abgerissen sein. Da sieht man wieder ein Nachteil der Print-Medien gegenüber den Online-Medien. Der Flughafen Tempelhof, welchen ich mit Tegel durcheinanderbrachte, gibt es übrigens nicht mehr, es ist nun ein Park. Der Flughafen Schönefeld wird zurzeit ausgebaut und sollte wohl zum Haupt-Flughafen der Stadt Berlin werden. 

Ein schnelleres Restaurant in der Luft und eine BRD-Flucht

Wäre ich vor 40 Jahren (oder so) an den Orten gewesen, an welchen ich am Montag war, wäre ich erschossen worden. Oder an Stacheldraht verblutet. Ich war zuerst an der Bernauer Strasse, dort fanden zu Zeiten der DDR extrem viele Fluchten statt, nur wenige glückten. 

Mit dem Tram konnte ich über Prenzlauer Berg direkt dorthin fahren – und traf sogleich auf etwas ziemlich kurioses: Ein Auto schien mit voller Wucht gegen die Metallstangen gefahren zu sein, welche den Standort der Mauer nachbildeten. Ich dachte zuerst an einen tragischen Verkehrsunfall, sah dann aber am Auto ein Zettel, auf dem stand, dass vor zwei Tagen hier der letzte Fluchtversuch stattgefunden hätte:

“Dramatischer Fluchtversuch aus der BRD

Am 29. Oktober ereignete sich, 22 Jahre nach dem Mauerfall, der vorerst letzte Fluchtversuch an der innerdeutschen Grenze.

Gegen 22 Uhr durchbrach ein BMW-Fahrer alle Grenz- und Signalanlagen der Bundesrepublik Deutschland, um sich an der Kreuzung Benauer-/Brunnenstasse seinen Weg in die Neue Deutsche Republik zu bahnen. Mit voller Wucht prallte der BMW auf die Mauer und der Fluchtversuch nahm dort sein jähes Ende. Es war die erste Bewährungsprobe für den erst kürzlich verstärkten anti-sozialen Schutzwall, mit dem die BRD die zunehmende Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften eindämmen will. Von Bankenkrise und Eurorettungen desillusioniert, kehren viele Bürger dem Land den Rücken zu und fliehen aus dem überschuldeten und perspektivlosen Land.

Als der Fahrer des BMW nach seinen Fluchtmotiven befragt wurde, antwortete er, er habe nach dem letzten EU-Gipfel entgültig die Nase voll von den Politikern der BRD, die so häufig ihre Meinung ” ändern wie manch einer sein Hemd.

In der Neuen Deutschen Republik wurde der Flüchtling mit einem Begrüßungsgeld von 100 Republik Mark empfangen. (im)

An der Bernauer Strasse ist der Mauerverlauf dargestellt, Fluchttunnel sind eingezeichnet und es gibt überall Informationstafeln mit Bilder, Tonaufnahmen und Videos. Die Grundmauern der von den Kommunisten weggesprengten Häusern sind teilweise sichtbar. Selbst vor der Versöhnungskirche haben Sie nicht halt gemacht. Eine Kapelle erinnert an sie, und neben ihr, in dem ehemaligen Todesstreifen, wird Gerste angepflanzt. Ausserdem gibt es viele Denkmäler an die Opfer.
Schade fand ich, dass man die Maueranlage nicht in vollem Umfang betrachten konnte. Man kann ein kurzes Teilstück nur von oben sehen. Mit all den Hinweisen konnte man sich die Anlage aber gut vorstellen.

Interessant fand ich auch, was ich im Nordbahnhof gelesen habe: Die Züge aus Westberlin fuhren unter Ostberlin durch – nonstop, um die nördlichen & südlichen Stadtgebiete zu verbinden. Dabei entstanden Geisterbahnhöfe in Ostberlin, welche auch gut gesichert wurden. Der Nordbahnhof war einer davon.  

Der zweite Platz, an dem ich als Ostberliner beim Fluchtversuch getötet worden wäre, ist der Checkpoint Charlie in der Stadtmitte. Auch dort wird man gut informiert. Ein paar als amerikanische Soldaten Verkleidete bieten ein Foto mit Ihnen an, “for the Facebook”. Im Gegenzug bieten “Russen” Andenken an das sozialistische Regime und Russland an. In das Museum, das sehr teuer ist, ging ich allerdings (noch) nicht. Es waren mir auch zu viele Leute dort. 

Heute war ich weiter auf den Spuren der DDR, und zwar am Morgen im Fernsehturm, dessen Restaurant sich 2x oder mehr pro Stunde um sich selbst dreht. Zu Zeiten der DDR war das wesentlich gemütlicher, mit einer Umdrehung pro Stunde. Vielleicht weil die Leute dann schneller wieder gehen, weil sie ja schon alles gesehen haben, und so mehr Leute ins Restaurant können. Kapitalismus eben. Das habe ich vom Reiseführer auf der Spreerundfahrt erfahren. Die Reederei D. Hadynski bietet für preiswerte 8€ einstündige Fahren auf dem Fluss durch die Hauptstadt an, ich kann sie sehr empfehlen. 

Nahe der Anlegestelle ist das DDR-Museum, wo ich zuvor war. Dort kann man in einen Trabant steigen, sich die Fernsehsendungen von damals in einem DDR-Kino anschauen, die Zellen & Verhörräume der Gefängnisse anschauen… Toll ist, das man alles anfassen darf. Man sieht die Lebensmittel (können auch gekauft oder im Restaurant konsumiert werden), Computer, Spielsachen, etc. aus dieser Zeit und kann sich das Leben von damals super vorstellen. Es zeigt die guten Seiten und die Missstände des sozialistischen Systems.