Velofahren in Helsinki Teil III: Ausserhalb der Innenstadt

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Bei meinem Besuch bei der Stadtverwaltung wurde mir gesagt, ausserhalb der Innenstadt sei das Velonetz besser ausgebaut. Doch stimmt das auch? Und was denken die angehenden VerkehrsplanerInnen über die Veloinfrastruktur Helsinkis?

Um das herauszufinden, habe ich mit einem Studierenden von der Universität Aalo einen Termin abgemacht. Aalto ist eine Universität im Vorort Otaniemi, politisch gehört es zur Stadt Espoo. Sie wurde geplant und erbaut durch den berühmten finnischen Architekten, Alvar Aalto. Dort wird ein sehr ähnlicher Studiengang wie mein Bachelor-Studiengang “Raumplanung” an der HSR angeboten, allerdings ein Master-Studiengang. Ich war positiv überrascht, als nicht nur einer, sondern gleich drei dieser Studierenden sich Zeit nahmen, in einem Café bei der Metrostation meine Fragen zu beantworten.

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Der Studiengang beinhaltet, wie der Name “Spatial Planning and Transportation Engineering” schon sagt, auch viel Raumplanung. Früher war der Studiengang stark auf den MIV ausgerichtet. Um ihn auf den heutigen Anforderungen anzupassen, wurde das Thema Raumplanung mit aufgenommen, und wird hoch gewichtet. Das Thema Velo steht in den Vorlesungen allerdings eher im Hintergrund. Vom Bachelor-Kurs können Sie das Modul “Sustainable Traffic” belegen, ansonsten gibt es bis auf allgemeine Verkehrstheorie wenige Inhalte rund ums Velo. Wenn man sich für das Thema interessiert, empfiehlt sich ein Praktikum bei der von mir besuchten Abteilung in der Stadtverwaltung Helsinki.
Die Studierenden sind sehr gesucht: Die meisten arbeiten bereits während der Ausbildung, die Job-Angebote befinden wie bei uns hauptsächlich in der Verwaltung grösserer Städte, dem Staat, und privaten Planungsbüros.

Die Studierenden sind pragmatisch, was das Velo im Alltag angeht – sie entscheiden sich für das schnellste Transportmittel. Viele der Studierenden wohnen in den Studentenwohnung in Otaniemi und gehen zu Fuss. Wer weiter ausserhalb wohnt, nimmt eher das Velo, im Winter sind es aufgrund des Schnees und Matschs etwas weniger. Manchmal ist die nächste Haltestelle über einen Kilometer entfernt, in diesem Fall lohnt sich das Velo eher. Ungefähr 10 – 20% schätzen die Studierenden etwa den Modal Split aller Studierenden ein, was im Bereich des Modal Splits der Stadt Helsinki (11%, 2013) liegt.  Für ein Sommerjob an der Stadtgrenze nehmen die Studierenden aber eher den öV, da dieser schneller ist.

Früher, als es noch keine getrennten Velowege und Fussgängerbereiche gab, war das Trottoir auf einer Strassenseite den Fussgängern, und auf der anderen der Velofahrer vorbehalten. Man kann sich die Konflikte vorstellen, vor allem im Bereich von den Hauseingängen.

Es gibt im Moment verschiedene Projekte in Helsinki, die die Veloinfrastruktur betreffen: Auf die Insel Laajasalo soll eine neue Brücke gebaut werden, die nur für das Tram, Velofahrer und Fussgänger freigegeben ist. Die Brücke schliesst direkt an die Innenstadt an, Autofahrer müssen aussen herum fahren. Ein weiteres, intressantes Projekt liegt im Gebiet des Bahnhofes Pasila. Alle Züge, welche auch am Hauptbahnhof halten, halten auch dort, deshalb wird das Gebiet stark entwickelt. Es ist von einem zweiten Zentrum die Rede. Für das Velo sollen entlang der Gleiskorridore attraktive Verbindungen entstehen.

Als ich die Studierenden frage, wo sie lieber Velo fahren – auf der Strasse oder auf dem Veloweg, antworten Sie mir, wie ich vermutet haben: Auf dem Veloweg. Bei mir ist es umgekehrt, ich denke dies hat mit der Gewohnheit zu tun; Bei uns in der Schweiz ist es normal, dass das Velo innerorts auf der Strasse fährt, in Finnland ist es normal das es auf dem Gehsteig fährt.
Zwar fühle ich mich sicherer, neben der Strasse zu fahren, allerdings finde ich die Konflikte mit den Fussgängern, die Übergänge und Höhensprünge, sowie das Abbiegen recht mühsam.

Das Velofahren in Finnland ist gemäss der Studierenden so beliebt, weil sie es sich, seit Kindesbeinen an gewohnt sind. Beispielsweise fahren viele Kinder mit dem Velo in die Schule, und es ist eine tolle Art sich fortzubewegen. Velokampagnen, wie bei uns, braucht es deshalb nicht. Das Velo ist Teil des finnischen Lifestyles. Trotzdem könnte man den Modal Split erhöhen, indem man den Winterdienst auf Velowegen verbessert, und die Infrastruktur quantitativ sowie qualitativ verbessert.

Ich bedanke mich für das Interview. Da das Wetter sehr schön ist, beschliesst einer der Studierenden mit mir mit dem CityBike in die Stadt zurück zu fahren, statt die U-Bahn zu nehmen. Unterwegs zur Velostation zeigt er mir die Uni: Es gibt sehr viele Arbeitsräume, viele von ihnen werden von den über 200 Studierendenvereinen als Treffpunkt genutzt.

Als wir Richtung Innenstadt radelten, vorbei am ehemaligen Hauptquartier von Nokia, entlang wunderschöner Buchten, zeigt er mir noch einige Infrastrukturen für das Velo.

Wir fahren über den Abschnitt mit dem meisten Veloverkehr in Helsinki: Die Lauttasaari-Brücke (Bild). Die Breite des Velowegs (linke Spur) ist für das Verkehrsaufkommen eindeutig zu schmal, sie wird bald umgestaltet. Auch sonst sieht man viele Baustellen für Velowege. Die Infrastruktur ist tatsächlich besser als in der Innenstadt: weniger holpriger, weniger Konflikte mit Fussgänger, und vor allem durchgehender. Es gibt dennoch einige Lücken, beispielsweise im Bereich des Fährhafens. Die Strasse wurde bisher viermal umgestaltet.
Es war sehr intressant, von einem Einheimischen durch die Veloinfrastuktur geführt zu werden, wir haben auch viel über die Stadtentwicklung und den öffentlichen Verkehr diskutiert. Nach etwa 1 ½ Velofahrt und noch ein paar Metern zu Fuss bedankte ich mich für die Diskussion und die Führung. Jetzt weiss ich: Die Infrastruktur fürs Velo ist ausserhalb des Zentrums tatsächlich besser, wenn auch noch nicht wie in Kopenhagen.

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